Interview mit Shane Jones zu “Thaddeus und der Februar”

c_Jones_18827Was ist deine liebste Jahreszeit? Vielleicht am Ende doch der Winter?
Meine Lieblingsjahreszeit ist der Herbst. New York im Herbst ist wirklich wunderschön. Den Winter hasse und liebe ich gleichermaßen. Während ich diese Fragen beantworte, fegt draußen der erste Schneesturm über die Dächer, und ich mag das. Wenn es ein paar davon gegeben hat, fängt man aber schnell an, sie zu hassen.

Warum ausgerechnet der Februar? Sind zum Beispiel Januar oder November nicht auch kalt, öde und ungemütlich genug?
Februar ist mit Abstand am schlimmsten! Es ist der dunkelste und kälteste Monat und außerdem liegt er genau am Winterende, wenn man Eis und Schnee und Kälte eigentlich überhaupt nicht mehr ertragen und der Frühling gar nicht schnell genug anfangen kann. Im Januar beginnt das neue Jahr, deshalb hat der Monat noch so ein Feiertagsgefühl an sich. Im November ist immer noch Herbst und die Blätter fallen. Ich werde wirklich depressiv im Februar.

Thaddeus Lowe basiert auf einem echten Menschen, richtig? Aber offensichtlich ist es nicht sein Leben, dass du porträtierst.
Ja, Thaddeus Lowe ist eine authentische Figur. Er war Ballonfahrer im Amerikanischen Bürgerkrieg und hatte einen Ruf als „der Mann, auf den im Krieg am meisten geschossen wurde“. Es ist wirklich ein erstaunliches Bild und eine verblüffende Geschichte – dieser Mann als Kriegsbeobachter in seinem Ballon, während die Soldaten unten versuchen, ihn abzuschießen. Tatsächlich ist es dieses Bild, aus dem die Geschichte ursprünglich entstanden ist. Und nein, mein Buch ist kein Porträt seines Lebens.

Die Standardfrage: Hast du literarische Vorbilder? Deine Art zu schreiben scheint zeitlos zu sein, fast mühelos, der Roman hat eine ganz eigene Stimme.
Ich bin von einer Menge anderer Schriftsteller beeinflusst worden, auch von Musikern und Künstlern. Visuelle Kunst spielt eine große Rolle in meinem Schreibprozess. Ich wollte, dass Thaddeus und der Februar ein wirklich intensives visuelles Erlebnis wird, und ich denke, das ist mir auch gelungen. Was die Zeitlosigkeit betrifft, das kommt daher, dass ich so viele Mythen und Märchen lese. Und die scheinbare Mühelosigkeit kommt vermutlich von Richard Brautigan und daher, dass ich immer versuche, auf eine klare und einfache Art und Weise zu formulieren, so dass die Bilder einen größeren Effekt haben.

Als ich Thaddeus und der Februar zum ersten Mal gelesen habe, fühlte ich mich wie in einem Tagtraum oder als wäre ich am Nachmittag eingeschlafen und hätte etwas erlebt, das seltsam vertraut und gleichzeitig sehr fremd ist. Es war, wie in ein Zuhause aus einem früheren Leben zurückzukehren. Ich habe mich gefragt, ob du etwas Ähnliches beim Schreiben empfunden hast?
Ich habe das Buch häppchenweise geschrieben – immer nur ein oder zwei Abschnitte, meistens ungeordnet, bis ich etwa 120 dieser Abschnitte beisammen hatte. Daraus habe ich dann die Geschichte wie eine Collage zusammengesetzt. Mir war bewusst, dass sie einem Fiebertraum ähnelt, dass sie etwas Märchenhaftes hat, aber als ich sie schrieb, fühlte sich alles ganz natürlich und normal an. Manche Autoren machen sich viele Gedanken um Tonfall und Stil, aber wirklich authentisches Schreiben entsteht aus der eigenen Persönlichkeit – was du magst, wer du bist.

Heißluftballons und Luftfahrt spielen eine sehr wichtige Rolle in der Geschichte. Haben diese Dinge für dich eine besondere Bedeutung?
Das ist hauptsächlich kindliche Faszination. Die Idee vom Fliegen, der Bewegung beim Fliegen, die Vorstellung, dass das Fliegen den Menschen im Buch genommen wird – all das ist sehr aufregend für mich. Eine Stadt voller Ballonflieger, die einen sehr langen Winter überleben muss, das war ein Bild, das mir einfach nicht mehr aus dem Kopf ging.

Der Roman ist besonders fesselnd, weil er nicht nur sehr geheimnisvoll und spannend ist, sondern auch die essenziellen Fragen von Überleben und den Grundlagen der Existenz berührt – immerhin, am Ende begegnet … (liebe Leser, was am Ende passiert, müssen Sie selbst herausfinden … [Anm. d. Red.]). Wolltest du mit dem Buch eine bestimmte Botschaft vermitteln?
Es war auch geheimnisvoll, das Buch zu schreiben. Ich glaube nicht, dass Schriftsteller selbst wirklich verstehen, was sie schreiben. Etliches in Thaddeus und der Februar kann ich selbst nicht erklären. Es ist mehrdeutig auf vielfache Weise. Ich wollte keine große Botschaft über Leben und Überleben vermitteln. Ich müsste ein kompletter Egomane sein, um so zu denken. Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird – und das gilt vermutlich für jeden Autor – lautet: Worum geht es in Ihrem Buch? Ich würde darauf am liebsten immer antworten, dass ich es nicht weiß, bleibe aber dann doch beim roten Faden der Geschichte: „Im Buch geht es um einen Ballonfahrer, der einen Krieg gegen den Februar führt.“ Man kann sich die Blicke vorstellen, die ich dafür ernte …

Thaddeus und der Februar hat eine spektakuläre Publikationsgeschichte: Von den ersten wenigen hundert Exemplaren über den großen Hype im Internet bis hin zum Vertrag mit dem Penguin-Verlag und dem Erwerb der Filmrechte durch den Regisseur und Produzenten Spike Jonze, der Thaddeus nun auf die große Leinwand bringen will. Ray Tintori, den man von seinen Videos vor allem für MGMT kennt, wird Regie führen. Wie hast du das alles erlebt?
Das letzte Jahr war wirklich total verrückt. Ich bin selbst immer noch überrascht, dass mein Buch es so weit gebracht hat. Ich hatte wirklich Glück, dass mich am Anfang so viele Leute unterstützt haben. Der Hype und Medienrummel um das Buch wurden einfach immer größer und größer.

Hast du Spike Jonze und Ray Tintori getroffen? Wenn ja,  worüber habt ihr geredet?
Spike Jonze habe ich noch nicht getroffen, aber das werde ich sicher irgendwann nachholen. Mit Ray Tintori bin ich regelmäßig in Kontakt. Er hat mich vor einem Monat besucht und wir haben ein paar Stunden über das Buch geredet. Er hat das Gespräch aufgezeichnet, es soll ihm beim Drehbuchschreiben helfen. Wir haben Whiskey getrunken und Zigaretten geraucht.

Wirst du am Drehbuch mitarbeiten?
Nicht direkt. Ich habe jede Menge Fragen beantwortet, das war’s.

Welche Aspekte des Buches sind dir bei der Adaption fürs Kino am wichtigsten?
Noch eine schwere Frage! Ich denke, die visuellen Qualitäten des Films sind mir am wichtigsten. Bei einem Buch, dass so reich an Bildern ist, bin ich wirklich gespannt, wie der Film am Ende aussehen wird. Zum Glück haben sich mit Spike Jonze und Ray Tintori zwei großartige visuelle Denker des Projektes angenommen. Es wird ein wunderschöner Film werden!

Was können die Leser als nächstes von dir erwarten?
Allein die Vorstellung, dass es Leser geben könnte, die auf ein weiteres Buch von mir warten, ist eigenartig. Voraussetzung ist natürlich, dass ihnen Thaddeus und der Februar gefällt. Wenn nicht, lesen sie eben Zadie Smith oder so. Im Moment jedenfalls mache ich mir Notizen und träume davon, einen neuen Roman zu schreiben.

Kategorie: Allgemein 2 Kommentare »

2 Reaktionen zu “Interview mit Shane Jones zu “Thaddeus und der Februar””

  1. Nathalie W.

    Ein wirklich sehr interessantes Interview. Zu Anfang versprach ich mir davon zu erfahren, worum es in dem hochgelobten Buch, welches ich auch gerade lese, geht, denn was zwischen den Zeilen steht, wird mir noch nicht klar, aber leider weiß der Autor auf diese Frage selbst keine Antwort.
    Es soll wohl jeder für sich selbst sehen, was er aus dieser sehr visuellen, ja dem stimme ich eindeutig zu Mr. Jones, Geschichte schöpft anstatt dass dem Leser, irgendwelche Interpretationen aufgedrückt werden.
    Kann jetzt nicht mehr schreiben, denn der Kampf gegen den Februar hält bei mir noch an!

  2. LovelyBooks Blog

    [...] ich dann auch noch in einem Interview mit dem Autor gelesen habe, dass er glaubt, dass Schriftsteller selbst nicht wirklich verstehen, was sie [...]


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